Viva con Agua Interview
Interview

„Wasser für alle – alle für Wasser“: Mario Klütsch und Carolin Stüdemann über Viva con Agua

771 Millionen Menschen weltweit haben keinen gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Rund 489 Millionen Menschen davon fehlt sogar die Basis-Versorgung mit Trinkwasser. Für eben diese Versorgung setzt sich Viva con Agua seit der Gründung des Vereins im Jahr 2006 ein. Mit der Vision „Wasser für alle – alle für Wasser“ unterstützt die All-Profit-Organisation soziale Projekte und verschafft Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Hygieneeinrichtungen und sanitärer Grundversorgung. Mit freiwilligen Crews in unzähligen deutschen Städten und eigenständig eingetragenen Vereine in der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Uganda und Südafrika ist Viva con Agua rund um den Globus aktiv. Zwei, die maßgeblich an den Aktivitäten beteiligt sind, sind Mario Klütsch, Geschäftsführer der Viva con Agua Wasser GmbH, und Carolin Stüdemann, geschäftsführende Vorständin des gemeinnützigen Vereins Viva con Agua de Sankt Pauli e.V.

Mit diesen beiden haben wir im Interview über die Erfolgsgeschichte von Viva con Agua, die Definition der All-Profit-Organisation, die Projekte sowie die eigenen Produkte gesprochen.

Stellen Sie sich bitte kurz unseren Lesern und Leserinnen vor. Was ist Ihre Aufgabe bei Viva con Agua?

Mario Klütsch: Ich bin Geschäftsführer der Viva con Agua Wasser GmbH. Ziel des Social Business ist es, durch Mineralwasser, Klopapier und Seife auf die gemeinnützige Arbeit von Viva con Agua aufmerksam zu machen und gleichzeitig wichtige Einnahmen für die gemeinnützige Projektarbeit zu generieren.

Carolin Stüdemann: Ich bin geschäftsführende Vorständin des gemeinnützigen Vereins Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. Dieser Verein orchestriert die gemeinnützigen Projekte von Viva con Agua. Die Grundidee von Viva con Agua ist: Wir supporten Wasserprojekte weltweit. Das bedeutet, insbesondere in Ländern Ost- und Südafrikas unterstützen wir den Bau von Brunnen oder anderer Wasserinfrastruktur. Wasser ist Leben und betrifft jeden Bereich unseres Alltags – darum sollte jeder Mensch Zugang dazu haben.

Mario Klütsch ist Geschäftsführer der Viva con Agua Wasser GmbH, Carolin Stüdemann geschäftsführende Vorständin des gemeinnützigen Vereins Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. (Foto Mario Klütsch: Joshua Hoffmann / Foto Carolin Stüdemann: Felix Matthies)

Wie lange sind Sie schon im Unternehmen und was haben Sie vorher gemacht?

Mario Klütsch: Seit November 2021 bin ich bei Viva con Agua an Bord. Zuvor habe ich Wirtschaft, Ethik und Psychologie studiert und war zehn Jahre in leitenden Positionen mit den Schwerpunkten Vertrieb, E-Commerce und Marketing bei Barilla, dem Weltmarktführer für Pasta, tätig.

Carolin Stüdemann: Ich bin inzwischen auch schon über vier Jahre bei Viva con Agua. Davor war ich in leitender Position in der Jugendhilfe, habe aber auch schon einen Abstecher in den Bereich Unternehmensberatung gemacht – das war dann aber nichts für mich.

Von engagierten Bechersammelaktionen zum Vorzeige-Social-Business. Was sind aus Ihrer Sicht die Eckpfeiler für die Erfolgsgeschichte von Viva con Agua?

Carolin Stüdemann: Ein ganz wichtiger Punkt ist unser freudvoller und partizipativer Ansatz: Viva con Agua ist für alle da und alle haben etwas davon, auf Viva con Agua zu treffen. Viva con Agua lädt einfach zum Mitmachen ein – zum Beispiel bei Aktionen wie dem Pfandbechersammeln auf Konzerten und Festivals. Dasselbe gilt für unsere Idee von Social Business: Engagement soll niedrigschwellig möglich sein.

Durch den Kauf von sozialen Alternativen wie dem Mineralwasser, dem Klopapier oder der Seife kann jeder Mensch ohne viel Aufwand direkt Wasser- und Sanitärprojekte weltweit unterstützen. Wenn es also mal Mineralwasser statt Leitungswasser sein soll, dann bietet Viva con Agua die soziale Alternative. Wir versuchen also konkrete Lösungen anzubieten, nicht einfach auf Missstände hinzuweisen.

Trinkwasser in Uganda danke Viva con Auga. (Foto: Feonard Müller)

Sie bezeichnen sich selbst als All-Profit-Unternehmen. Was steckt dahinter?

Carolin Stüdemann: Non-Profit-Unternehmen oder Non-Profit-Organisation – der Begriff passt einfach nicht zu uns. Wir verfolgen einen Ansatz, bei dem alle von unseren Projekten profitieren können und sollen. Von den ehrenamtlichen Supporter*innen, den Mitarbeiter*innen, den Käufer*innen unseres Mineralwassers bis hin zu den Menschen, die wir mit unseren Wasserprojekten erreichen – alle sollen ein Stück vom Viva con Agua-Kuchen bekommen.

Wo gibt es mittlerweile Crews von Viva con Agua? Und wie viele soziale Projekte unterstützen Sie weltweit?

Carolin Stüdemann: Ehrenamtliche Viva con Agua Crews gibt es deutschlandweit und sogar auch in Österreich und der Schweiz. Im letzten Jahr gab es über 40 Städtecrews von Norden nach Süden, Ost nach West, die sich für sauberes Trinkwasser engagiert haben.

Aktuell unterstützen wir 12 Wasserprojekte in 10 Ländern, überwiegend im ostafrikanischen Raum, aber auch in Indien und Nepal. Dafür arbeiten wir mit vielen international und lokal aktiven Partnerorganisationen zusammen.

Mineralwasser und Klopapier von Viva von Agua.

Es gibt Spendenkampagnen auf Festivals, nachhaltiges Klopapier, ein Kunstfestival, das eigene Musiklabel und eigenes Mineralwasser – wie hat es Viva con Agua geschafft, so viele unterschiedliche Bereiche aufzubauen und auch am Laufen zu halten?

Carolin Stüdemann: Ein wichtiger Faktor ist die Gemeinschaft und das Engagement von vielen. Viele Ideen haben sich organisch entwickelt oder waren ursprünglich mal ganz anders geplant. Aber das macht Viva con Agua aus: Ideen entwickeln, dazu lernen. Viele dieser Bereiche laufen dann so gut, weil dort Menschen arbeiten oder sie ehrenamtlich unterstützen, die an unsere Vision „Wasser für alle – alle für Wasser“ glauben. Uns treibt eine Idee an und unser Impact – Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen – ist ein unglaublicher Ansporn.

Mario Klütsch: Motivation durch eine gemeinsame Vision ist auch das Stichwort für uns als Viva con Agua Wasser GmbH. Seit dem ersten Tag gilt: Klare Visionen, Werte und Kultur, kombiniert mit einem einzigartig intrinsisch motivierten Team. Wir verhalten uns bewusst unkonventionell in Bezug auf viele gängige Marktmechanismen und legen Wert auf einen Austausch auf Augenhöhe, der unabhängig von Größe und Marktmacht, niemanden diskriminiert.

Wir behandeln alle gleich und das konsequent. Auch wenn das Türen nicht immer sofort öffnet, zahlt es sich nachhaltig aus. Dabei verschließen wir nicht die Augen davor, dass auch wir mitnichten frei von Fehlern sind. Dafür hilft es uns, dass wir intern unsere größten Kritiker*innen sind und uns stetig weiterentwickeln wollen. Dieser Prozess ist gleichermaßen wichtig wie zielführend.

Als Plattform für die Getränkebranche interessiert uns natürlich sehr, wie viel Wasser Sie mittlerweile produzieren?

Mario Klütsch: Die Viva con Agua Wasser GmbH ist Lizenzgeberin für das Viva con Agua Mineralwasser. Das heißt, wir füllen das Mineralwasser nicht selbst ab. Gemeinsam mit unseren Partner:innen freuen wir uns das Jahr 2022 mit dem Rekordabsatz von 36,8 Mio Flaschen Mineralwasser abgeschlossen zu haben – das beste Ergebnis unserer Unternehmensgeschichte. Dieses hervorragende Ergebnis freut uns natürlich umso mehr, da jede abgesetzte Flasche, in Hinblick auf den Verwendungszweck der Lizenzen und Gewinne, einen wichtigen finanziellen Beitrag für die gemeinnützige Projektarbeit von Viva con Agua leistest.

„Water is life“ – ein Projekt in Mozambique. (Foto: Andrin Fretz)

Wo kann man das Wasser überall kaufen?

Mario Klütsch: Das Viva con Agua Mineralwasser hat seinen Ursprung auf St. Pauli im Herzen Hamburgs. Der Kreis der Unterstützenden hat innerhalb der letzten Jahre so stark zugenommen, dass die Nachfrage bis in den südlichsten Zipfel Deutschlands reicht. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden und dabei unseren ökologischen Fußabdruck durch kurze Lieferwege zu minimieren, füllen wir seit letztem Jahr neben unserem nördlichen Abfüller in Husum (Husumer Mineralbrunnen) auch im südlichen Bissingen (Bissinger Auerquelle) ab.

Inzwischen ist das Viva con Agua Wasser ein fester Bestandteil der Szenegastronomie und darüber hinaus. Es erfreut Gäst*innen als Zimmerwasser in vielen Hotels wie dem Motel One und auch der Biohandel unterstützt unsere Vision seit den Anfängen, u.a. mit einer nationalen Listung aller Produkte (Wasser, Klopapier & Seife) bei Alnatura.

Neben dem klassischen LEH, der zurzeit noch ein Nord-Süd-Gefälle verzeichnet, erreichen wir unsere Zielgruppe inzwischen auch über die etablierten und neuen Lieferservice und Quick Commerce Player wie Flaschenpost und Getir. Wir machen aktuell sehr große Schritte die nationale Nachfrage nach unserem sozialen Wasser zu bedienen.

Mit Run4WATER, dem Spendenmarathon Jingle Wells oder verschiedenen Gaming-Formaten lassen Sie sich immer wieder neue kreative Aktionen einfallen. Ist das der ausschließliche Spaß an der Aktion oder stehen dahinter strategische und auch finanzielle Überlegungen?

Carolin Stüdemann: Die Corona-Pandemie hat auch bei uns einiges durcheinander geworfen. Festivals und Konzerte konnten nicht stattfinden, analoge Treffen waren nicht mehr möglich. Neben der Möglichkeit bei all diesen Veranstaltungen auf Viva con Agua und unser Thema Trinkwasser aufmerksam zu machen, sind natürlich auch Einnahmen entfallen, zum Beispiel durch Pfandbecherspenden.

Deshalb haben wir neue Lösungen gesucht, Menschen zu erreichen und zu aktivieren. Die Möglichkeit dabei für sauberes Trinkwasser zu spenden gehört für uns aber immer dazu. Auch hier gilt für uns der All-Profit Gedanke!

Viva con Agua sorgt für frisches Wasser in Nepal. (Foto: Marco Fischer)

Purpose, Engagement – mit diesen Begriffen versuchen immer mehr Unternehmen zu kommunizieren. Wie stehen Sie als Pionier dazu?

Carolin Stüdemann: Purpose als Trendthema finde ich gut. Wenn Menschen angeregt werden, sich mit der Sinnfrage auseinander zu setzen, selbst von einem Unternehmen, welches bisher wenig Nachhaltigkeit verfolgt, entsteht bei den Mitarbeitenden eine differenziertere Auseinandersetzung. Leider wird Purpose auch als Marketing-Instrument genutzt. Ich glaube aber, dass sowohl Mitarbeitende als auch Konsument*innen sehr genau hinschauen und verstehen, wo ein Purpose wirklich mit Inhalt gefüllt ist.

Mario Klütsch: Das kann ich bestätigen – denn bei mir war es genau das. Der einzigartige Purpose von Viva con Agua war für mich der Auslöser Teil der Viva con Agua Familie zu werden. Dazu gehört für mich, dass unser Einsatz und Engagement, auch in der Wasser GmbH, einen echten gesellschaftlichen Mehrwert leistet. Für die Viva con Agua Wasser GmbH ist dieser gesellschaftliche Mehrwert bereits in der Governance-Struktur verankert, so ist die GmbH mehrheitlich in gemeinnütziger Hand und schafft klare Fakten für die Mittelflüsse.

Was für Projekte dürfen wir in Zukunft noch von Viva con Agua erwarten?

Mario Klütsch: Wir sind überzeugt davon, dass trotz Inflation und Krisen der Konsum auch zukünftig immer bewusster stattfindet. Dazu gehört, dass neben dem reinen Produktnutzen ein sozialer oder nachhaltiger Mehrwert unverzichtbar wird. Wir sehen uns für diese Entwicklung hervorragend aufgestellt und sind zuversichtlich über unsere Produkte auch in Zukunft noch mehr Menschen von unserer Vision zu begeistern.

Dazu planen wir perspektivisch, neben Nord und Süd, auch im Westen und Osten vertrauensvolle und verlässliche Kooperationen für die Abfüllung unseres Mineralwassers einzugehen. Somit bündeln wir den sozialen Mehrwert noch intensiver mit der regionalen und nachhaltigen Dimension, was im wichtigen Einklang mit unseren eigenen Ansprüchen und Werten steht.

Carolin Stüdemann: Und darüber hinaus ist natürlich klar: Viva con Agua wird sein Handeln stets daran ausrichten, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erreichen. Egal was wir tun und noch starten: Wir wollen noch mehr Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen.

Das Mineralwasser gibt es in „laut“ und „leise“. Viva von Agua bleibt mit seinen sozialen Projekte sicher auch in Zukunft laut. (Foto: Heike Greiner)

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+++ Wir bedanken uns bei Mario Klütsch und Carolin Stüdemann für das offene und sehr interessante Interview! Wenn auch Sie eine interessante Marke haben, dann sollten wir uns unterhalten. Senden Sie uns einfach eine E-Mail mit dem Betreff „about-drinks Interview“ an redaktion@about-drinks.com – wir freuen uns auf Ihren Kontakt! +++