Pauschalkritik oder berechtigte Warnung? – Andreas Herb über die Zuckerdebatte bei Energy Drinks
Die Diskussion ist so alt wie die Kategorie selbst: Energy Drinks gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als Paradebeispiel für zu viel Zucker im Softdrink-Markt. Verbrauchersendungen, Gesundheitsreporte und Talkrunden zeichnen seit Jahren ein klares Bild – und es ist selten ein schmeichelhaftes. Doch stimmt dieses Bild noch? Andreas Herb, CEO der MBG Group, meldet sich auf LinkedIn mit einer klaren Gegenposition zu Wort.
„Der Zuckergehalt klassischer Energy Drinks liegt auf dem Niveau von Cola. Nicht darüber“, sagt er – und ergänzt: „Die größten Zuckerlasten finden sich oft ganz woanders – in Kaffeegetränken, Frappuccinos und vermeintlich ‘harmlosen’ Lifestyle-Drinks.“
Ein Argument, das zumindest einen zweiten Blick verdient. Tatsächlich enthält ein handelsüblicher Frappuccino aus dem Coffeehouse-Segment teils deutlich mehr Zucker als eine Dose Energy Drink – ohne dass diese Produkte öffentlich annähernd so stark in der Kritik stehen.
„Wenn wir über Zucker sprechen, dann bitte über alle. Alles andere ist keine Aufklärung, sondern Vereinfachung.“ – Andreas Herb, CEO der MBG Group
Sichtbarkeit als Sündenbock?
Herb sieht hinter der selektiven Aufmerksamkeit ein System: Energy Drinks würden herausgegriffen, weil sie sichtbar seien, weil sie polarisierten – „und weil sie sich politisch einfacher erzählen lassen als die Realität“. Was dabei aus Sicht der Branche zu kurz komme, sei der tiefgreifende Wandel, den die Kategorie in den vergangenen Jahren vollzogen hat.
Zero-Sugar-Varianten dominieren zunehmend die Neulistungen, klassische Rezepturen werden reformuliert. Herb verweist auf das eigene Portfolio: effect® habe den Zuckergehalt über Jahre schrittweise reduziert – „konsequent und ohne große Kampagnen darum zu machen. Nicht, weil es politisch gefordert wurde, sondern weil es sinnvoll ist.“
Was Verbraucherschützer sagen – und was nicht
Interessanterweise stützen die Positionen relevanter Verbraucherorganisationen Herbs Kernargument zumindest partiell. foodwatch, bekannt für eine kämpferische Zuckerpolitik, richtet seine Kritik nicht exklusiv gegen Energy Drinks: In einer Marktstudie untersuchte die Organisation 136 Getränke für Kinder – Limonaden, Energy Drinks und Fruchtsaftgetränke – und stellte fest, dass der überwiegende Teil davon einen zu hohen Zuckergehalt aufweist.
Unter den zuckrigsten Produkten fanden sich auch viele reine Fruchtsäfte. Die Konsequenz, die foodwatch daraus zieht, ist eine kategorieübergreifende Limo-Steuer – eine Forderung, die der Energy-Drink-Branche strukturell nützt, wenn sie ihre Rezepturen ohnehin bereits reformuliert hat.
Beim Koffein allerdings sind foodwatch und die Verbraucherzentrale einer Meinung – und hier steht die Kategorie unter gesondertem Beschuss. foodwatch fordert ein Abgabeverbot an Minderjährige und kritisiert darüber hinaus das gezielte Marketing der Branche: Über Influencer-Kooperationen, Gaming-Sponsoring und Sportpartnerschaften würden Minderjährige systematisch als Zielgruppe angesprochen. Auch die Verbraucherzentrale plädiert für ein Verkaufsverbot an Minderjährige sowie verbesserte Kennzeichnungspflichten.
Was dabei analytisch sauber getrennt werden sollte: Die Zuckerdebatte, die Herb adressiert, und die Koffein-Debatte sind zwei verschiedene Kritikstränge – mit unterschiedlichen Lösungsansätzen. Herbs Argument, dass Energy Drinks beim Zucker zu Unrecht herausgegriffen werden, bleibt davon unberührt. Beim Koffein hingegen ist die Kategorie tatsächlich eine Besonderheit im Softdrink-Markt – und das räumt auch die Branche implizit ein.
Eine Debatte, die Differenzierung verdient
Herb versteht seine Argumentation ausdrücklich nicht als pauschale Verteidigung der Kategorie, sondern als Plädoyer für mehr Konsistenz in der Debatte. Wenn Zucker im Getränkemarkt ein ernstzunehmendes Gesundheitsthema sei, könne die öffentliche Diskussion aus seiner Sicht nicht selektiv geführt werden. Eine einseitige Fokussierung untergrabe die Glaubwürdigkeit – und lenke den Reformdruck dorthin, wo er politisch einfacher durchzusetzen ist, nicht unbedingt dorthin, wo er die größte Wirkung entfaltet.
Aus dieser Perspektive wirkt auch der Vergleich mit anderen Getränkekategorien für Herb symptomatisch: Solange ein Frappuccino mit rund 50 Gramm Zucker als Lifestyle-Produkt wahrgenommen werde, während Energy Drinks mit deutlich geringerem Zuckergehalt im Zentrum der Kritik stehen, bleibe die Debatte aus seiner Sicht verkürzt – oder, wie er es formuliert: eine Vereinfachung.
Bildquelle: ©MBG Group | www.mbgglobal.com




















